Mir ist es wichtig, einmal kurz auf die praktischen und organisatorischen Fragen einzugehen, die damit verbunden sind, und damit die Debatte über einen kombinierten Wahl- und Programmparteitag von meiner Seite her auf eine sachlichen Grundlage stellen.
Es werden vor allem zwei pragmatische Einwände gegen eine BuVo-Wahl im Frühling erhoben:
- dafür gibt es kein Geld
- das ist organisatorisch nicht leistbar (BPT-Orga, Akkreditierung)
- dann ist nicht genug Zeit für Programmarbeit
Weiterhin wird eingewendet, die Frage sei bereits durch das in Bochum eingeholte Meinungsbild entschieden.
Unter den derzeit diskutierten Ansätzen gibt es jedoch Lösungen, die
- kein oder nur wenig mehr Geld benötigen bzw. sogar Geld sparen,
- auch nach Aussage der BPT-Beauftragten organisatorisch leistbar sind
- und keine oder nur wenig Zeit vom Programmparteitag in Neumarkt beanspruchen.
Im wesentlichen werden zwei Ansätze diskutiert, die sich nur in Details unterscheiden:
1. Wenige Wochen (ein oder zwei Wochen) vor dem Parteitag in Neumarkt wird ein informeller dezentraler Online-Parteitag (bzw. ein dezentrales Online-Event) durchgeführt, der keinen satzungsgemäßer Parteitag darstellt. Alle Kandidatinnen und Kandidaten für ein Bundesvorstandsamt werden dazu für eine Tag an einen zentralen Ort (z. B. Kassel) gebeten. Dort stellen sie sich vor und können befragt werden. Vor Ort sind lediglich die Kandidatinnen, ein Orga-Team für die lokale Technik sowie die Versammlungsleitung.
Der informelle Parteitag kann von jedem Mitglied (und von allen anderen) von zu Hause oder von Satelliten in den Landesverbänden per Livestream verfolgt werden. Fragen werden per Chat oder Audio-Schaltung gestellt. Die Kosten für ein solches Event liegen im niedrigen vierstelligen Bereich. Ein Solidarbudget für Kandidaten, die eine Fahrtkostenunterstützung benötigen, sollte informell organisiert werden.
Eine Akkreditierung ist für diese Veranstaltung nicht nötig, da keine Entscheidungen getroffen werden (kein formaler Parteitag).
Auf dem Parteitag in Neumarkt werden schließlich lediglich die Wahlgänge durchgeführt (jeweils zwischen den Programmdebatten zu einzelnen Abschnitten des Wahlprogramms). Abgesehen von den Wahlhelferinnen und Wahlhelfern, die an den Programmdebatten während der Auszählungen teilweise nicht teilnehmen können, geht somit kaum Zeit für die programmatische Arbeit verloren.
Die Wahl des Schiedsgerichts muss nicht zwingend mit der BuVo-Wahl kombiniert werden und könnte auch wie geplant im Herbst stattfinden.
2. Der zweite Ansatz beruht auf einer Verlängerung des Programmparteitags auf drei Tage. Nach Aussage der BPT-Orga ist das leistbar und bringt ebenfalls weit unter 10.000 Euro etwa 15.000 Euro an Mehrkosten mit sich (EDIT: Die erste Summe war nur der Betrag für die Halle, mit allem drumrum sind es nach Aussage des Orga-Teams ca. 15.000 Euro). Der Donnerstag vorher ist ein Feiertag (Christi Himmelfahrt, alle Bundesländer), der Freitag daher ein Brückentag. Daher ist es vielen möglich diesen zusätzlichen Tag wahrzunehmen.
Um möglichst vielen Mitgliedern die Teilnahme an der Wahl zu ermöglichen, kann man in einer Variante festlegen, dass am Freitag nur die Kandidatenvorstellungen und -befragungen stattfinden und die Wahlgänge wie bei Ansatz 1. erst ab Samstag durchgeführt werden. In diesem Fall kann man sich am Freitag auch die Akkreditierung sparen, was die Orga in diesem Punkt entlastet.
Im Gegensatz zu dem immer wieder angeführten Einwand, es sei kein Geld für einen Wahlparteitag im Frühjahr 2013 vorhanden, sparen diese Vorschläge sogar Geld. Das Geld für einen Wahlparteitag ist schließlich bereits im Budget für 2013 eingeplant, unabhängig davon, ob dieser Parteitag im Frühjahr oder im Herbst stattfindet. Sollte im Herbst 2013 trotzdem ein weiterer Parteitag durchgeführt werden, kann dieser bereits für die Aufstellung der Europaliste und/oder das Wahlprogramm zur Europawahl genutzt werden.
Dieser Aspekt ist sowieso in der derzeitigen Planung noch zu wenig berücksichtigt: Nach derzeitiger Planung soll zwischen Oktober 2013 und Januar 2014
- ein neuer BuVo gewählt werden
- das Schiedsgericht neu gewählt werden
- die Europaliste aufgestellt werden
- ein Europawahlprogramm verabschiedet werden.
Da der BuVo noch 2013 neu gewählt werden soll, würde die Aufstellug der Europaliste auf den Januar 2014 fallen. Eingereicht muss die Liste bei Bundeswahlleiter Anfang März. Geht bei der Aufstellungsversammlung etwas schief, z. B. weil mehr Kandidaten da sind als erwartet und die gesetzlich vorgeschriebene Vorstellungszeit nicht verfügbar ist, bleiben nur wenige Wochen, um einen kompletten weiteren Parteitag zur Fortsetzung der Aufstellungsversammlung einzuberufen. Da fände ich es doch entspannter, die Liste bereits in 2013 aufzustellen und im Notfall im Januar 2014 noch Zeit zum reagieren zu haben.
Abschließend eine kurze Bemerkung zu der politischen Frage und der Debatte dazu:
Die oben dargelegten Konzepte zeigen erstmals Wege auf, wie eine BuVo-Wahl in der ersten Jahreshälfte sinvoll durchführbar ist. Sie stehen nicht im Widerspruch zu dem in Bochum und vorab per LimeSurvey eingeholten Meinnungsbild, dass der Parteitag in Neumarkt vorrangig der Programmentwicklung dienen soll.
Eine Amtszeit des BuVo von etwa einem Jahr war bisher das, was in unserer Partei üblich war. Die Überlegung, die Amtszeit entgegen dieser Gewohnheit zu verlängern, wurde bisher immer unter der Voraussetzung getroffen, dass es ein entweder-oder gibt: Entweder Programmparteitag oder Wahlparteitag. Es gibt aber auch die Möglichkeit eines sowohl-als-auch.
Eigentlich müsste die Reaktion auf die Vorschläge nun sein: “Wie, das geht? Es ist doch möglich? Ok, lasst uns darüber nachdenken, und abwägen, was das beste für die Partei ist.” Die Reaktionen, die von einigen Seiten jedoch kommen: “Du schadest mit dieser Debatte der Partei”, “Keine Selbstbeschäftigung mehr” oder “Wir haben das intern besprochen und abgelehnt, warum machst du die Frage öffentlich? Du bringst damit Unruhe in die Partei”, haben einen schalen Beigeschmack. Diese Argumente führen dazu, dass sich die rechtfertigen müssen, die eine reguläre BuVo-Wahl nach Ablauf eines Jahres für wünschenswert halten, also das, was bisher üblich war. Nach dem aufgezeigt wurde, dass eine Neuwahl im regulären Rhythmus praktisch und finanziell möglich ist, sollte es doch eher andersrum sein: dass die, die eine verlängerte Amtszeit trotz der Vorschläge immer noch für die bessere politische Entscheidung halten, dies mit guten Argumenten begründen.
In diesem Sinne wünsche ich mir eine sachliche Debatte, gerne auch in den Kommentaren.